Leseproben

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Der letzte Baum

Es hat sich zugetragen vor vielen Jahren, an einem Ort den wohl jeder kennt. Da lebten einst wenige Menschen glücklich und zufrieden in einem kleinen wunderschönen Tal. Es gab geheimnisvoll murmelnde Bächlein mit kristallklarem Wasser, fettes fruchtbares Ackerland, und einen verwunschenen Wald, in dem mächtige Bäume wuchsen, einige uralt und von den Menschen als heilig verehrt. Die Luft war sanft und klar, ja so rein, dass alles ganz nah beieinander zu sein schien, auch wenn es weit entfernt war. Dieses kleine Paradies mit allen seinen Pflanzen und Tieren, sie waren genauso wertvoll und beseelt wie die Menschen, und wurden mit größtem Respekt behandelt. Alle Geschöpfe lebten in Harmonie, Zufriedenheit und höchstem Glück zusammen. Doch mit der Zeit verbreitete sich bis in die entferntesten Winkel der Welt die Kunde, wie gut und zufrieden es sich in diesem Tal leben ließ. Immer mehr Menschen kamen von nah und fern, sie bauten größere Häuser und aus schmalen sandigen Wegen wurden bald breite Gassen. Als es eines Tages in dem Tal keinen Platz mehr für neue Häuschen und richtige Straßen gab, machten sich einige Menschen daran Maschinen zu erfinden, die aus dem Erdboden, dem sauberen Wasser und dem starken Holz der Bäume neue bisher unbekannte Stoffe zaubern konnten. Nun wurde unaufhörlich von den schnaufenden und stinkenden Maschinen Material zum Bau von größeren, höheren Häusern und breiteren Straßen ausgespuckt. Tag und Nacht ging das so, viele Menschen waren pausenlos damit beschäftigt die nimmersatten Maschinenmonster zu füttern, denn sie sollten niemals schlafen dürfen. Aus den einst so schön anzuschauenden, buntbemalten hölzernen Häuschen wurden graue Turmbauten aus Stahl, Glas und Beton, die immer weiter in den Himmel wuchsen und die Sonne verdunkelten. Die sandigen, gemütlichen Gassen verwandelten sich in düstere Rollbahnen aus Asphalt und Beton für die immer noch schneller fahrenden stinkenden Blechkisten, die sich in aufgeregter Hatz durch die kalten Häuserschluchten drängten. Und die freudlosen Menschen darin auf der Jagd nach dem, das sie aber unwiederbringlich verloren hatten - Glück und stille Zufriedenheit! Sie hatten das Lachen verlernt, sie hatten auch vergessen ihr kleines Tal zu lieben und zu erhalten. Hatten vergessen, dass einst alles hier zu finden war für ein frohgemutes und friedvolles Leben. Die Kinder sahen traurig aus und hatten wenig, woran sie sich erfreuen konnten. Wie schön es hier einst war, das wussten sie nicht, das konnte ihnen keiner sagen. Einigen Menschen gefiel die Verwandlung gar nicht, doch sie konnten sich nicht wehren gegen die zerstörerische Kraft der Gier und des falschen Reichtums. Das aufgehäufte Gold einiger hartherziger Mitmenschen hatte die Macht übernommen. Fast jeder stand in der Kreide bei ihnen, und so mochten die Ärmeren gegen diese nicht aufbegehren, aus Angst ihr letztes Hab und Gut zu verlieren, vertrieben zu werden. Obwohl es doch überall besser zu leben wäre als hier, in dem einstmals so paradiesischen Tal. Und so war plötzlich bei all diesem atemlosen Gebaue und Gehetze nur noch ein winzig kleines Fleckchen Erde inmitten dieser steinigen Wüste unangetastet erhalten geblieben, so wie es vorher überall gewesen war.

Doch einen Menschen gab es noch, der lebte weiter wie in den Anfangszeiten der Besiedelung dieses Tales. Zum Einsiedler war er geworden, doch zufrieden und glücklich dabei. Er lebte bescheiden in seiner kleinen hölzernen Hütte unter dem letzten uralten Baum, der noch nicht unter den stählernen Sägen und Axthieben gefallen war. Jeder Versuch ihn zu fällen war gescheitert, die Sägen zerbrachen und die Äxte zersplitterten in Tausend kleine Eisenteilchen. Der Baum und der alte Mann, sie waren unbeugsam und von einer übernatürlichen Stärke durchdrungen, der Wille zu überleben von Menschenhand nicht zu brechen. Der Baum war mit den turmhohen Häusern um die Wette in die luftigen sonnenhellen Höhen gewachsen. Seine dicht belaubten Äste und Zweige sprossen in üppiger Pracht wie niemals zuvor, boten reichlich Lebensraum für viele Tiere. Vielerlei Getier und Gewächs aus der steinernen Stadt hatten sich in den Schatten seiner mächtigen Krone geflüchtet und hier ihren Platz zum weiterleben gefunden. Und der alte Eremit, der hier ausharren wollte bis zu seinem Tode, hatte hier sein kleines Domizil gebaut. Er war nur geblieben um den Baum zu schützen, und den letzten lebenswerten Platz in dem Tal zu erhalten und zu verteidigen gegen das frevelhafte Gemetzel seiner verblendeten Zeitgenossen. Niemand traute sich ihn zu vertreiben, vielleicht eine letzte Ahnung vom Gewesenen, so wie sie selbst alle einmal gelebt hatten.
Unter diesem Baum nun gab es einen tiefen Brunnen, aus dem immer noch kristallklares Wasser geschöpft werden konnte. Es war das Wasser des Lebens, welches der Eremit jeden Tag trank und das ihn jung und stark erhielt. Ja, er war unsterblich geworden, ohne es zu wissen. Denn in dem Brunnen, tief unten am Grund, lebt eine Nymphe. Ein zartes verspieltes Wesen aus einer schöneren Welt, der Welt der Liebe. Sie hatte den alten Mann auserkoren den Menschen eine Botschaft zu überbringen, um ihre versteinerten Herzen zu erweichen und zur Umkehr zu ihrem vormals naturgegebenem Leben zu bewegen. Sie hatte ihm offenbart, dass wenn dieser letzte alte Baum fallen würde, auch alles andere Lebendige vergehen müsse. Die Nymphe machte durch ihren Zauber, dass dem Alten zarte Äste aus seinem Kopfe wuchsen, und in deren Laub hatten sich Vögel in ihren kleinen Nestern zum Brüten niedergelassen. Dieses fröhliche Vogelgezwitscher nun lockte die Kinder aus den steinernen Schluchten zu dem Baum. Sie waren erstaunt und freuten sich, denn so einen schönen Baum hatten sie nie zuvor erblickt, und die schönen Lieder der Vögel bewegten sie dazu fröhlich mitzusingen. Sie kletterten voller Überschwang vergnügt in seinen Ästen umher, versuchten seinen mächtigen Stamm zu umarmen, doch alle ausgestreckten Arme zusammen genommen waren nicht lang genug das zu vollbringen, so dick war der Baum. Als sie den Eremiten mit den Vogelnestern in seinem Kopfgeäste erblickten, bekamen sie zuerst ein wenig Angst, denn so einen Menschen hatten sie noch nie gesehen, nicht einmal in ihren märchenhaften Träumen. Doch bald fassten sie Mut und der Alte erzählte ihnen Geschichten aus vergangenen schöneren Zeiten, als ihre Eltern noch fast genauso aussahen wie er. Als die Kinder das aber nicht glauben wollten, führte der Alte sie in seine Zauberwelt unter den Baum. Sie gelangten dorthin über einen kleinen Pfad, der durch die dicken knorrigen Baumwurzeln weit hinab unter die Erde führte. Sie betraten eine riesige Grottenhöhle, erhellt durch das milde Licht einer kleinen Sonne, und an den Wänden war ein regenbogenbuntes Gefunkel und Geglitzer von unendlich vielen Sternchen zu erkennen. Und so schöne klare Bäche und bunte Blumen, so einen klaren blauen Himmel und so eine samtenweiche Luft voll betörender Süße, das gab es in der Steinstadt schon lange Zeit nicht mehr. Die Kinder wurden traurig bei diesem Anblick und weinten bitterlich. Sie wollten, dass es auch wieder so würde bei ihnen Zuhause. Durch die Kräfte ihrer vergossenen heißen Tränen der innigsten Wünsche nun zum Leben erweckt, entfalteten sich kleine zarte Zauberpflanzen mit leuchtenden Blüten zu ihren Füßen, und sie verströmten einen Wohlgeruch wie aus Honig und blühenden Rosen. Der alte Mann trug den Kindern auf, ein jedes von ihnen solle einen solchen Blütenzweig mit nach Hause nehmen und den Eltern als Geschenk von ihm überreichen. Das taten die Kinder auch sogleich mit größter Freude, denn sie waren ganz von Sinnen durch diesen betörenden Blütenduft.

Als nun die Eltern in der steinernen Stadt diese Geschenke ihrer Kinder zu Gesicht bekamen, da waren sie augenblicklich wie verzaubert von dem lieblich zarten Duft dieser Blüten. Alle Geschäftigkeit schlief ein und die Menschen sahen in den Augen ihrer Kinder eine große Sehnsucht nach Liebe und Stille. Alle lagen sich weinend in den Armen und durch die steinernen Schluchten hallte ein Wehklagen, wie nie zuvor gehört. Da wussten alle, auch die mit den verhärteten Herzen unter ihnen, was sie verloren hatten, dass sie ihr einstiges wahres Glück gegen eisige Klumpen aus Gold eingetauscht hatten. Sie waren blind und taub geworden durch das Anhäufen von vermeintlichem Reichtum, einer falschen Verheißung erlegen. Das stand in ihren schluchzenden Minen geschrieben und nun konnten sie wieder die Sprache ihrer Herzen verstehen. Ihre Kinder hatten sie aus einen tiefen dunklen Traum gerissen, der schon lange Zeit als Albdruck auf ihren Seelen lastete. Die Kinder geleiteten nun alle an den verzauberten Ort, zu dem Baum und dem alten Mann. Sie fielen vor Reue und Ehrfurcht auf ihre Knie, baten den alten Eremiten und den Baum um Vergebung, und versprachen auf Ehr und Gewissen, umzukehren auf ihrem falschen Weg zum Glück. Sie wollten sogleich ihre wüste Stadt dem Erdboden gleichmachen und eine neue, schönere grüne Stadt mit vielen Bäumen und Bächen und Spielplätzen für ihre Kinder bauen. Alle waren sich einig, und der alte Mann versprach ihnen dabei zu helfen.
Auf dem Heimweg erstarrten sie alle in blankem Erstaunen. Sie rieben sich verwundert die Augen und sahen, was in ihrer Stadt vor sich ging. Wie von Zauberhand wuchsen auf und auch neben den breiten Straßen kleine grünbelaubte Bäumchen. Dichtes Gebüsch und blühende, herrlich duftende Blumen waren zu sehen all überall, brachen sich ihren Weg zum Licht durch den härtesten Beton und den dicksten Asphalt. An den Hängen der Häuserwände rankten und wanden sich schlingende Pflanzentriebe mit rasendem Tempo in die Höhe, dem strahlenden Licht der Sonne entgegen. Aus der ehemals grauen versteinerten Stadt wurde ein lebendiges grünes Gebirge, und es flogen bunte Vögel umher, sich spielerisch jagend und den Menschen ihre schönsten Lieder singend. Einige kleine Gassen hatten sich in munter plätschernde Bächlein verwandelt, in denen fröhlich lachende Kinder umhertollten. Nun erkannten die Menschen - eine bessere Zeit war angebrochen, und sie zerschlugen die nutzlos gewordenen Maschinenungeheuer, sie brauchten sie nicht mehr zu ihrem Lebensglück. Aus den eingeschmolzenen Goldklumpen aber gossen sie einen riesigen goldglänzenden Apfel. Der wurde als unübersehbares Zeichen ihrer tiefen Demut und neugewonnenen Bescheidenheit dem alten Baum geweiht, und unter seiner schattenspendenden Krone als ewiges Monument der Besinnung in einer feierlichen Zeremonie aufgestellt.

Bis in die heutige Zeit hinein wird dieser magische Ort alljährlich an diesem denkwürdigen Tag gemeinsam von allen Menschen zu einem großen Fest der Dankbarkeit aufgesucht. Dann hört man dort lustiges Singen, und den ganzen Tag und die Nacht hindurch wird ausgelassen getanzt und gefeiert. Der alte Baum ist mittlerweile etwas altersschwach geworden. Einige Äste haben ihre Blätter für immer verloren, doch trotzt er wohl noch lange Zeit seinem natürlichen Schicksal vom Wachsen und Vergehen. Zu seinen Füßen wächst schon ein neuer starker Baum heran, irgendwie hat er Ähnlichkeit mit dem alten Mann.
Und aus dem Brunnen ertönt nächtens ein perlend glockenklarer Gesang, voller Liebe und Harmonie. Die Nymphe singt diese Zaubermelodie aus ihrer Welt der Liebe und findet den Weg in die Herzen aller träumenden Menschen.

Möge ihr Gesang niemals verstummen!

(C) 2005 Frank Teichgräber
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