Leseproben

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Von Bäumen und Gedichten (Auszug)

(...) Das war eine Einladung, hatte ich gar nicht erwartet von ihm. Erfreut sagte ich zu und wir gingen unserer Wege. Er mit der Zeitung unterm Arm den holperigen Sandweg zu seiner Hütte, die schwarze Katze strich ihm dabei um die Beine, und ich in meine Werkstatt. Den ganzen Tag musste ich darüber nachdenken, was er wohl für Gedichte schreiben würde. Meiner Frau hab ich nichts von der Einladung gesagt, um mir ihre Bemerkungen zu ersparen. Ihre Meinung zu unserem merkwürdigen Nachbarn ist nicht gerade die beste. Er ist ihr irgendwie suspekt, sie kann ihn nicht richtig einordnen in ihr Weltbild. Er sei ein Taugenichts, ein Tunichtgut, der sich nicht anpassen will und auf unsere Kosten lebt. Der hat ja keinen anständigen Beruf, treibt sich wohl nur rum. Und was macht der eigentlich den ganzen lieben langen Tag ? Liegt bestimmt bis mittags im Bett und sonnt sich dann bis abends in seinem verlotterten Garten. Im Winter hält der wohl seinen Winterschlaf, um Heizkosten zu sparen. So einer ist eigentlich überflüssig in unserer guten Gesellschaft. Ja, obwohl sie die ganzen Jahre kein Wort mit ihm gewechselt hat, war ihr Eindruck unumstößlich. Sie stammt eben aus einer erzkonservativen Beamtenfamilie. Es gibt immer noch so etwas wie Standesdünkel, wird sich auch nie ausrotten lassen. Offen spricht natürlich keiner darüber, aber das merkt man, wenn über andere Leute gesprochen wird. Diese sind dabei natürlich nicht anwesend, sonst ginge das überhaupt nicht. Ich sage dann immer, dass über uns genauso geredet wird, frei nach dem Motto: ‚Do wat du wullt, de Lüd snackt doch !' Dann muss meine Frau lachen und sagt meist: ‚Jaja, so is dat in Leven, die Klugen kümmert dat all nich, die machen sowieso wat se wulln, die kann keiner ans Bein pinkeln. Und de Dummen wulln jümmers dat, wat de annern von ihnen eigentlich nich wulln !' Ich denke, mein Nachbar gehört zu den klügeren Menschen. Wenn einer Gedichte schreibt, kann er ja nicht ganz blöd sein. Ich ertappte mich dabei, wie meine Gedanken um die Jahre meiner Jugend kreisten. Da stand ich oft vor Entscheidungen, die mein weiteres Leben bestimmten. Zukunft wird oft von anderen Menschen und ihren Meinungen beeinflusst. Bis ich das gemerkt hatte, musste fast ein ganzes Leben vergehen und nun ist es für mich wohl zu spät, noch etwas zu ändern. Daran würde meine Frau mich auch wohl mit aller Macht hindern, nur über dieses Thema zu sprechen ist ihr schon unangenehm. Dann bekommt sie richtige Angstzustände und kann meine Gedankengänge nicht verstehen. ‚Festhalten was man hat, wir haben doch was erreicht in unserem Leben, das war doch der Sinn, jetzt im Alter auf nichts verzichten zu müssen', jammert sie dann. Ich muss ihr dann recht geben, damit der Haussegen nicht tagelang schief hängt. Zum Glück hat sie genug Zerstreuung durch ihren ungebremsten Tatendrang. Der Hausputz findet täglich statt, unterbrochen nur vom fast täglichen Kaffeekränzchen mit ihren Freundinnen aus der Nachbarschaft. Bei uns sieht es aus, wie im Einrichtungskatalog eines Möbelhauses. Alles hat seinen festen Platz und darf nach Möglichkeit nicht benutzt oder auch nur berührt werden. Eigentlich fühl ich mich darin nicht so recht wohl, deshalb hab ich ja ein eigenes Zimmer, wo sie mir nicht reinredet mit ihrem Putz- und Ordnungsfimmel. Das fällt ihr zwar schwer, aber da ich ihr versprochen habe, ab und an selber aufzuräumen und zu putzen, gibt sie Ruhe. Spontane Kontrollen kann sie sich aber nicht verkneifen. Meine Werkstatt ist der einzige Ort, der sie nicht sonderlich interessiert, ja da fühlt sie sich sogar bedroht von den Werkzeugen und der Unordnung. Da wüsste sie gar nicht, wo sie mit aufräumen und putzen anfangen sollte. Vor so einem Zustand hat sie Angst, darum versucht sie es gar nicht erst. Wenn ich ehrlich bin muss ich zugeben, dass genau deswegen die Werkstatt von mir absichtlich in Unordnung gehalten wird. So ist das der eigentlich mir liebste Platz in unserem gemeinsamen Heim. Wenn es nach mir ginge, könnte das ganze Haus so gemütlich durcheinander sein, aber meine Frau würde das nicht ertragen. Sie muss ja alles statisch, leblos, porentief rein und genau sortiert um sich haben. Im Beruf war sie früher Hauswirtschaftsmeisterin in einem Krankenhaus, da ging das wohl auch nicht anders. Leider konnte sie nie zu Hause die Arbeit vergessen, so dass es nach Feierabend nahtlos weiterging mit dem rumwirtschaften. Das hat mich manchmal aus dem Haus getrieben, auf ein Bier in die Dorfkneipe. Damals hatte ich die Werkstatt noch nicht und mein eigenes Zimmer konnte ich erst durchsetzen, als ich mit Scheidung drohte. Mir kam der Gedanke, mein Nachbar ist mir deswegen so sympathisch geworden, weil er ganz anders ist, als ich in seinem Alter war. Er kümmert sich nicht um irgendwelche Konventionen, die mir mein Leben so eng gemacht haben. Schon beachtlich, was so kleine Gespräche unter Nachbarn am Briefkasten im Kopf bewirken können. Da kommen längst verschollen geglaubte Erinnerungen wieder an die Oberfläche, das ganze Leben sieht plötzlich ganz anders aus. Irgendwie auch ein wenig beunruhigend. Mir wurde klar, was mein Nachbar meinte als er sagte, dass das Nichtdenken der leichtere Weg ist. Aber wozu haben wir unseren Kopf ? Um immer wieder, Tag für Tag, von neuem den Tanz des Lebens zu beginnen und neue Schritte zu wagen, auch wenn man jemanden dabei auf die Füße tritt. Die Folgen dieser Tritte abzumildern bedarf eines denkenden Kopfes.
Aber alles fängt ja zuerst im Kopf an ! (...)

(C) 2005 Frank Teichgräber
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