Leseproben

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Moorläufer (Auszug)

(...) Ermüdet durch die konzentrierten Atemübungen, beschloss ich, nach dem Ende des Kapitels nicht weiter zu lesen. So faszinierend für mich die Studien der magischen Praktiken in der Vergangenheit schon waren, hatte sich auch ein gewisser Respekt ergeben. Durch eigene beeindruckende Erfahrungen, seit meiner Kindheit angesammelt, reifte schon in jungen Jahren die Erkenntnis um die Gefahren des leichtfertigen Umgangs mit allem, was außerhalb unserer alltäglichen Wahrnehmung sicherlich vorhanden ist.
Gerade das Buch aus der Hand gelegt und das Licht gelöscht, fiel ich sogleich in unruhigen Schlummer, in einen Zustand zwischen Wachsein und Traum. Immer wieder tauchten diffuse Gedankenfetzen und wabernde Traumbilder aus den Untiefen meiner Seele auf. Erwacht aus tiefstem Schlaf, gestört durch ein wisperndes Geräusch direkt neben meinem linken Ohr, vernahm ich ein rauhes, wortloses Räuspern, erspähte aus den Augenwinkeln ein undeutlich zu erkennendes Wesen, aufrecht stehend, links neben mir am Bettrand. Nach meinem ersten Schrecken betrachtete ich ihn nun auch meinerseits bewegungslos und mit wachsender Neugier. Nicht mit allergrößter Kraftanstrengung konnte ich auch nur einen kleinen Finger bewegen. Trotz der tiefschwarzen Dunkelheit erkannte ich nach kurzer Zeit, dass es sich um einen fast zwei Meter großen Mann handelte. Ein zartes regenbogenfarbenes Leuchten umschloss seinen ausgemergelten Körper und erleuchtete das Zimmer mit mattem, unwirklich erscheinendem Lichtdunst. Er stand regungslos da und sah mich aus glühenden grünen Augen direkt an. Sein wirkliches Alter war nicht abschätzbar, trotz der tief zerfurchten Gesichtszüge strahlte er doch eine gewisse Jugendlichkeit aus. Lange dunkle Haare fielen ihm bis auf den Rücken, in den Haaren waren kleine bunte Federn eingeflochten. Seine Kleidung war lederartig und schillerte wie das Wasser der Meere, grün und blau. Seine Gebeine steckten in mattschwarzen Lederstiefeln, die ihm bis zu den Kniekehlen hinauf reichten. Um seinen Hals trug er eine lange Kette, die aus zierlichen gebleichten Knochen bestand. Die faltige Struktur dieser Gestalt erinnerte mich an die rissige Borke eines alten Baumstammes. Ein leicht süßlicher Geruch umwehte seine Gestalt, eine Mischung aus frischer Erde, brackigem Moorwasser, vermoderndes Laub der Bäume und von Pilzen zersetzter Baumrinde. Doch beileibe nicht gerade unangenehm, da sich auch der zarte Duft von frischen Sommerkräutern, wie Salbei, Lavendel, Kamille, Melisse und eine Prise frisch gemähtes Wiesenheu dazwischen mischte.
Ich glaubte, durch ihn hindurch sehen zu können, der Körper pulsierte kaum wahrnehmbar und veränderte dabei seine Form und Farbe. Als wir uns so gegenseitig anschauten, verspürte ich keinerlei Bedrohung, im Gegenteil, ein recht angenehmes Gefühl wuchs immer stärker, eine mir noch unbekannte Art der Heiterkeit und Gelassenheit überkam mich. Seine rechte faltige Hand deutete auf das geheimnisvolle Buch, dabei hob er plötzlich seinen Kopf und lächelte mich an. Er öffnete schnell seine linke Hand und verschloss sie sogleich wieder in einem Bruchteil einer Sekunde. Ich sah für kurze Zeit einen kleinen rundlichen Stein, wie bemalt sah der aus, und glaubte eine mir gut bekannte Landschaft auf dem Stein zu erkennen. Ich lächelte zurück und er begann langsam auf der Stelle zu tänzeln, wobei seine knöcherne Halskette leise rasselnde Geräusche von sich gab. Sein Tanz wurde schneller und schneller, bis seine Umrisse kaum noch zu erkennen waren. Was dann von ihm blieb, war ein bunter Strudel, eine farbige Nebelwolke mitten in meinem dunklen Zimmer. Von dieser wogenden Wolke lösten sich zu meiner Überraschung drei kleine Kugeln aus hellem weißen Licht und fielen neben meinem Bett lautlos zu Boden. Dann, völlig unerwartet, verflüchtigte sich die dunstige Erscheinung. Der Unbekannte war verschwunden, nur ein leichter fremdartiger Geruch erinnerte noch an sein Erscheinen. Langsam löste ich mich aus der Erstarrung und erhob mich aus meinem Bett, schaltete eine Lampe ein und wanderte im nun hell erleuchteten Zimmer umher, um irgendeinen Beweis des Besuches zu finden.
Und tatsächlich stolperte ich fast über einen kleinen Gegenstand, der am Boden lag. Der kleine Stein, den mir der geheimnisvolle Besucher in seiner linken Hand für einen winzigen Augenblick offenbart hatte, lag dort auf dem Fußboden. Ich nahm ihn in meine linke Hand und betrachtete ihn genauer. Ungefähr fünf Zentimeter im Durchmesser, von ovaler Form, zeigte seine Oberfläche eine leichte Ahnung einer Landschaft mit Bäumen und Seen, der Himmel durchzuckt von einem rötlichen, dreifach geästeltem Blitz. Die Rückseite des Steins war blaugrünlich gefärbt und ein klares Bild war nicht zu erkennen. Am ehesten könnte es die Oberfläche eines Gewässers darstellen, war meine Deutung. Den Stein betrachtend, spürte ich eine wachsende Wärme in der Hand, die von ihm ausstrahlte. Er wurde heißer und heißer, bis ich ihn aus der Hand legen musste, aus Furcht mich zu verbrennen. Ich legte ihn vorsichtig in die Schublade meines Nachtschranks, zu den Muscheln und anderen Steinen, die dort versammelt sind. Das Licht gelöscht und versucht einzuschlafen, erkannte ich immer noch ein leichtes Glimmen im Zimmer, dort wo mein nächtlicher Besucher getanzt hat. Nach dem Erwachen am frühen Morgen fand ich zu meiner Verwunderung in einem meiner Schuhe eine kleine bunte Vogelfeder und in dem anderen einen kleinen Knochen. Da wurde mir klar, die drei leuchtenden kleinen Kugeln, die der nächtliche unbekannte Tänzer versprüht hatte, waren der Stein, das winzige Knöchelchen und die Feder. Ich legte beide vorsichtig zu dem Stein und konnte mir immer noch nicht erklären, was das zu bedeuten hat. Niemand würde von diesen nächtlichen Geschehnissen auch nur ein Wort erfahren. Das war mein erstes Gelübde vor mir selbst. (...)

(C) 2005 Frank Teichgräber
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