Leseproben

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Lange Tage (Auszug)

(...) Das einfachste wäre, sich einfach im Strom der Zeit treiben zu lassen und eine Änderung dem Schicksal zu überlassen. Also einfach liegenbleiben ?
Ja, warum nicht eine gewisse Zeit, die ich mir einfach nehme, die Gedanken kreisen lassen ? Was habe ich die letzten Jahre eigentlich gemacht. War das gut für mich, oder besser für die Anderen, für die ich mich angestrengt habe ? Hauptsächlich drehte sich doch alles nur um Geld. Was habe ich dafür an Demütigungen und Lügen hingenommen, wie musste ich mich manchmal verbiegen, mich selbst verleugnen, meine Meinung für mich behalten, damit ich dazu gehörte, damit ich anerkannt wurde. Ist doch auch so mal ganz schön, sich mal so richtig gehen lassen. Das Gefühl auskosten, keiner wartet auf irgendeine Leistung, Pünktlichkeit, Disziplin, voll zur Verfügung stehen, glatt rasiert und gut gekleidet.
Ich muss mich für nichts rechtfertigen, für diesen Moment einer scheinbaren Schwäche. Wie ist das doch schön!
Wenn da nicht diese Querschüsse aus dem anerzogenen und verinnerlichten Komplex des sogenannten ‚vollwertigen Mitgliedes unserer Gesellschaft' aus den Tiefen des Unterbewusstseins dies angenehme Gefühl des einfach nur Dasein stören würde. Da kann es passieren, dass man sich überflüssig fühlt. Die anderen haben eine Aufgabe, wissen wohin sie gehören, haben ihren geregelten Tagesablauf und können sich abends zufrieden zurücklehnen, mit dem Gefühl, der Tag war nicht vergeben, sie haben auf dieser Welt eine Rolle gespielt, sie waren wichtig. Ich habe nie zu denen gehört, die sich darüber ihre Lebensberechtigung definiert haben, also kann ich auch mit dem Anderssein immer noch gut leben.
Man sagt ja, in jeder Krise ist eine Chance verborgen.
Man muss sie nur suchen. Nun habe ich Gelegenheit Dinge zu tun, die ich nie anpacken konnte, die Zeit war einfach nicht ausreichend, oder der Kopf zu voll mit immer den gleichen Gedanken. Alles drehte sich um Geld verdienen, vielen alles recht zu machen und anschließend diesen Stress mit sinnlosen Betätigungen abzubauen. Wieviel an kreativen Ideen schlummern in mir, tief verborgen, verschüttet unter dem zu Stein gewordenen Alltag ? Wenn ich da einen Ansatzpunkt finde, gibt mir das einen Impuls zu neuer Aktivität, beendet diesen lethargischen Zustand zwischen Wollen und doch nicht können. Diese Gedanken einer verschlafenen Seele, das Gehirn ist da noch gar nicht aufgewacht, führen unumkehrbar zurück in den Tiefschlaf. Auf die Dauer endet das in Faulheit und womöglich depressiven Anwandlungen, wenn man nicht acht gibt, sich also selbst überlistet.
Für mich hab ich die Autosuggestion entdeckt, damit schalte ich von dem traumhaften Zustand in den wachen, mittlerweile ohne bewusste Anstrengung. Hat allerdings eine Weile harten Trainings bedurft, das zu erreichen. So hab ich mit der Zeit eine hilfreiche Strategie für mich entwickelt, wie der innere Faulpelz mobil gemacht werden kann: Durch meine in langjährigen Übungen erworbene Fähigkeit zu meditieren.
Für eine Weile die Gedanken frei schweifen lassen und diesen Zustand bewusst genießen. Da laufen manchmal die buntesten und verrücktesten Tagträume vor meinem inneren Auge. Damit gelingt es mir am besten, sich einschleichende negative Gedankengänge auszublenden. Ich versetze mich in eine Zeit der positiven Erlebnisse, konzentriere mich auf einen Augenblick des glücklichen Erlebens. Dann entsteht durch ein schönes Bild ein angenehmes Gefühl. Das halte ich fest und baue darauf einen Tagesplan auf. Damit lasse ich mir genügend Zeit, denn innere Unruhe ist der Feind jeder Meditation.
Es liegt auch Papier und Bleistift bereit, um wichtige Gedanken, oder Einfälle für Gedichte die ich gerne verfasse, festzuhalten. So kann schon mal eine Stunde oder länger mit Schreiben vergehen. Ich kann mir auswählen, wozu ich gerade Lust habe. Welch ein Luxus, den ich wohl zu schätzen weiß! Meistens durchfährt mich dann ganz überraschend ein innerer Ruck, der mich fast ohne mein Zutun aus dem Bett befördert. Falls nicht schon vorher meine eigenwillige Katze durch ihre Versuche, mich munter zu machen, meine morgendliche Trägheit überlistet. Tatsächlich richte ich mich doch mehr nach ihrem Rhythmus, als mir bewusst ist. Ich empfinde das aber als sehr angenehm, weil dadurch auch eine gewisse Regelmäßigkeit den Tagesbeginn bestimmt. Für mich beginnt der Tageslauf mit einem ausgedehnten Frühstück. Zuerst bei jedem Wetter an die frische Luft, einen Gang durch den Garten, der ist ja zu jeder Jahreszeit schön, Zeitung holen und sehen, ob Post da ist. Dann heißer Tee, Vollkornbrot, ein Stück Obst und Zeitung lesen. Im Hintergrund leise Musik, je nach Grundstimmung. Nach meiner ‚Verdauungszigarette' eine Toilettensitzung und Zähne putzen. Nun bin ich soweit wach, dass ich einen Blick auf den Terminzettel werfen kann, ohne gleich schlechte Laune zu bekommen. So habe ich einen neuen Rhythmus gefunden, der mich in die Lage versetzt hat, meinem Leben wieder einen Sinn zu geben. Da ich auf dem Lande wohne, in einem kleinem Holzhaus mit naturbelassenem Garten, gibt es sowieso immer genug Beschäftigung. (...)

(C) 2005 Frank Teichgräber
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