Leseproben

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Telepath (Auszug)

Was er sagte hörte ich genau. Auch wenn er es nicht gesagt hätte, ich lese seine Gedanken. Nicht alle seine Gedanken spricht er aus. Obwohl, manchmal neigt er zum Selbstgespräch. Dann murmelt er mal lauter, mal leiser, dass er denkt, dass man das so oder so machen könnte. Aber er macht es dann doch nicht. Die Küche aufräumen - daran denkt er oft, besonders mittags, wenn er aufsteht. Dann kann er in dem bunten Gewirr aus Tellern, Kaffeebechern, herb duftenden Töpfen, in denen eine schillernde Brühe die Fliegen in Scharen anlockt, sein Kaffeewasser nur mühselig aus dem Hahn zapfen und einen Becher säubern. Ja, dann denkt er schon ans aufklaren, doch nur, bis der gemütliche Teil des Tages beginnt.

Eine Wand der Küche ist vom Boden bis unter die Zimmerdecke verdeckt von ausgemusterten Kühlschränken. Fast alle hat er geschenkt bekommen, und beim schweißtreibenden Transport in seine Küche so manches Rückenzipperlein erduldet. Sie dienen ihm als weitläufige, labyrinthartige Küchenlandschaft, mit selbstgebautem Holztreppchen, um an die obersten Kästen zu gelangen. Bei einigen dieser schönen eckigen Kästen hat er die Türen ausgebaut und benutzt sie als Regale. Ganz oben stehen seine Bücher, mehrere Meter breit. Und im ersten Stock Regale, deren Inhalt getarnt ist mit bunt zusammengesuchten Vorhängen. Sicher für allen diesen Krimskrams, der in eine gut ausgestattete Küche gehört. Die unterste Reihe dient ihm als Büro. Er arbeitet nämlich die meiste Zeit des Tages am Computer. Dann denkt er nur an Zahlen und Namen und seinen niedrigen Kontostand. Seine kleine muffelige Küchenspüle hat er dabei im Rücken, und da hat er ja keine Augen. Und der wabernde Küchendunst ist eine schwer atembare Mischung aus fettem Zigarettenrauch, mit sehr merkwürdig duftenden Inhaltsstoffen, kaltem Kaffee, alte säuerlich riechende Suppe und abgestandenem Spülwasser - Das alles vermischt mit einer Spur Sauerstoff. In einem der Kästen, ganz in der hintersten Ecke, hab ich meinen Lagerplatz. Eigentlich mehr ein Notlager, denn da halte ich mich selten auf. Aber recht gemütlich eingerichtet, da hat er sich Mühe gegeben. Ein Platz jedoch ist mir der Liebste, ich denke ständig daran, wie ich dort hineinkomme. Ich muss ihn nur richtig behandeln und ihm einreden - oder besser gesagt, eindenken - dass er heute unbedingt nicht alleine schlafen will. Meine Gedanken kann er nicht lesen, dazu ist er zu sehr mit sich beschäftigt. Natürlich würde ich heute Nacht wieder in seinem Bett schlafen. Da konnte er noch soviel jammern und drohen. Was denkt er denn, wer ich bin. Von wegen, ich würde ständig schnaufen und seine Bettdecke besabbern. Na gut, dann werde ich eben warten, bis er eingeschlafen ist. Das geht immer schnell bei ihm. Wenn ich dann neben ihm liege, ist er ganz vorsichtig und behutsam, wenn er sich im Tiefschlaf auf die andere Seite dreht. Aha! Wenn er schläft mag er mich also. Wusste ich doch, wenn er wach ist mag er das nicht so zeigen. Dann lässt er den Autoritären in ihm freien Lauf. Eigentlich ist er mindestens zwei Menschen, er weiß es aber nicht. Auch nicht, was er in seinen Träumen sieht und ich ihm einflüstere. Ha, er soll tun was ich will. Meine Gedankenbilder träumt er, ha!

Gestern abend war wieder einmal ein kolossaler Erfolg für mich. Meine Gedanken zeigten ihm ein Traumbild von einer Frau, wirklich sehr nett, ich mag sie sehr. Eine aus unserer Nachbarschaft, betreibt einen kleinen Kiosk im kleinen Park gleich um die Ecke. Sie schenkt mir immer Naschereien, wenn wir dort kurz vor ihrem Feierabend bei unserem Spaziergang Halt machen.
Als wir heute da wieder mal standen, er irgendetwas undefinierbares aß und trank...

(C) 2005/11 Frank Teichgräber
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