Leseproben

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Hab meine Triangel vergessen

2. Kapitel

Alter, mach mal nen Break

Hätte schon Lust, eine neue Band zu finden. Meine Extremitäten wollten beschäftigt werden. Gerade hatte sich meine letzte Band aufgelöst, obwohl gut im Geschäft. Coverversionen hatten wir auf der Playlist, die kamen überall gut an. Das Publikum irgendwelcher Feten, Hochzeiten, Jubiläen, sowie Ausstellungen und Messen, war dankbar, wenn allseits bekanntes gespielt wurde. Und die Veranstalter wollten natürlich eine Mucke, die den Getränkeumsatz in die Höhe trieb. Und wir trugen auch dazu bei - auf dass der Zapfhahn nicht einroste. Wir waren eine solide Band. Gesoffen wurde nicht, nur getrunken, um einer inneren Dehydrierung vorzubeugen. Prophylaxe ist ja das A und O jeden Musikers - nach der Devise: Gehen zwei Musiker an einer Kneipe vorbei ! ?... Der Proberaum war unsere liebste Kneipe, weil eine Theke und eine gute Auswahl Trinkbares vorhanden. Damit war jetzt Schluss.

Ich studierte die Kleinanzeigen, auf der Suche nach einer Band, die einen Drummer sucht. Es gab einige Angebote, und ich entschied mich für eine Hardrockcombo. Im Proberaum, gut bestückt mit Amps, Mischpult und PA-Boxen bis zur Decke, saß ich hinter den Drums, auf einem Podest von bestimmt fünfzig Zentimeter Höhe. Der Gitarrist, eindeutig der Bandleader, was er bei jeder Gelegenheit raushängen ließ, spielte englische Einstellung. Er schraubte und drehte, dass das Feedback immer gewaltiger wurde. Sein Gesicht in Verzückung total verzerrt, Speichel tropfte von seinen Lippen auf seine schwarze Lederjacke. Er hippelte durch den Raum, ohne auch nur eines der zahlreichen Kabel zu seinen Füßen zu berühren. Er ließ einige Akkorde aufheulen, so wie wohl läufige Wölfe bei Vollmond jaulen mögen. Der Sologitarrist, Mattenträger, ein stiller Typ vom Schlage eines Hägar dem Schrecklichen, auch so ähnlich gekleidet in braune Stiefel, Lederhose und Pelzweste, hatte etliche Tretminen vor sich am Boden liegen, wie übrigens auch der Bassist, ein völlig überdrehter Freak im zerknitterten staubig grauen Einreiher. Wohl Kokser die Beiden, dachte ich. Sound war jedenfalls satt da, wobei der Keyboarder angenehm zurückhaltend blieb, fast unsichtbar hinter seinen sechs übereinander gestapelten Manualen und Effektrack. Ich hasse diese schwülstigen Elektroorgelostinato! Tonwechsel etwa alle vierundzwanzig Takte und Lesley Hundert Prozent. Da wird mir übel!
Er schien nicht zur Band zu gehören. Keiner beachtete ihn.

Die Sängerin, eine kurvenreiche Blondine mit merkwürdigen bunten Knochen in den aufgetürmten Haaren, war gut bei Stimme und hatte dank der einen Tick zu lauten PA keinerlei Mühe gegen diesen Soundwall anzusingen. Alles war perfekt abgemischt, sogar die Monitore neben mir. Ich bekam eine fette Attacke auf die Ohren, als hätte ich Kopfhörer auf. Zum Eingrooven spielten wir einen Van Halen Klassiker. Kennt ja jeder, den Titel brauch ich deswegen hier nicht zu nennen. Der Chefgitarrist brach an der Stelle zum Hook ab.

Alle schauten ihn irritiert an, und er meinte genervt an mich gerichtet:
"Alter, da war ein Break. Spiel den mal eben vor. Bist wohl so ein anarchistischer Freejazzwichser, wa!"
Die anderen grinsten, doch nicht die Sängerin. Sie verdrehte die Augen, und ein wütendes Schnauben entwich ihrem sinnlichen Mund:
"Also, Alex, kannste dir das immer noch nicht verkneifen, jedes Stück durch deine Besserwisserei kaputt zu machen! Und lerne mal zu unterscheiden zwischen Probe und Session. Noch proben wir nicht."
"Ist ja gut Baby, spiel dich man nicht so auf hier. Noch hab ich das Sagen. Und Probe ist immer! Kapier das endlich, Baby."
"Nenn mich nicht immer Baby, von mir aus Babsi oder Bärbel. Baby kannst du von mir aus zu deiner verblödeten Bettmaus sagen. Du bist aber auch ein Arsch, leck mich dran."
"Klar, jederzeit. Vielleicht wollen die anderen ja auch mal?"
Alex schaute grinsend in die Runde, und drehte sich dann eine dicke Tüte.
"Nun auch noch das. Du weißt doch, dass ich den Nebel nicht vertrage, das macht meine Stimme kaputt. Wollen wir nun proben, oder kiffen?"
"Kiffen", kam es aus aller Munde.
Also kurze Pause.

Leicht benebelt einigten wir uns ‚Crying in the Rain' zu spielen, eine schlurfende Midtempo-Ballade. Vorher hörten wir das Original vom Tape. War auch nötig, denn ich kannte die Nummer nicht so gut, um sie sauber trommeln zu können. Die Breaks, bloß nicht die Breaks vermasseln, war mein einziger Gedanke. Aber wir holperten lustlos durch die Noten, der Song klang total kaputt, zerhackt in chaotische Fragmente, weil Alex mehrmals mit düsterer Mine und wedelnden Armen unterbrach. Das Keyboard war ihm zu leise, Babsi solle lieber Kaffee kochen, und ich verschleppte angeblich den Groove. Also, ein anderes Stück, einfacher Groove, eingängige Melodie. Nur das Gitarrensolo schien zu einem ganz anderen Song zu gehören. Wir gaben ermattet auf. Wahrscheinlich hatte der Chefgitarrist nicht seinen besten Tag. Er kramte ein Tape hervor, drückte es mir in die Hand.
"Hier Alter. Das hast du nächstes Mal drauf."
Ich konnte gehen, das Vorspiel war für ihn beendet.

Drei Tage später rief mich Babsi, die Sängerin, an. Das Ding ist gelaufen für sie. Der Alex nervt nur noch rum und würde alle tyrannisieren, beklagte sie sich. Das Tape könne ich behalten, zur Erinnerung an sie.
Okay, das war mein erster Versuch.
Nur nicht aufgeben, tröstete sie mich. Wir könnten doch zusammen eine neue Band gründen.
Kein schlechter Vorschlag.

(C) 2006 Frank Teichgräber
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