Leseproben

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Der schwarze Erwin (Auszug)

In meinem alten Bauernhaus gibt es eine Gegend, in der sich geheimnisvolle Schatten angesiedelt haben. Angelockt durch die Abwesenheit von Licht, die uns bekannten Naturgesetze ignorierend, entwickeln sie ein absurdes Eigenleben und verwirren die Sinne des ahnungslosen Betrachters. Obwohl sich dort nichts weiter als das rabenschwarze, staubige Nichts wohnlich eingerichtet hat.
Machmal kann es geschehen, dass aus diesem Niemandsland ein schemenhafter Körper heraustritt und sich überraschend in ein lebendiges Wesen aus Fleisch und Blut verwandelt. Es ist "Der Schwarze Erwin", ausgestattet mit spitzen, hellhörigen Ohren, hoffnungs-grünen Augen, vier samtweichen Pfoten. Alter und Geburtsort unbekannt. Geduldig abwartend sitzt er gleich einer mystischen altägyptischen Statue da, um jeden ahnungslos Daherkommenden auf seinen Mut zu prüfen. Wer dann Augenkontakt mit ihm wagt und sich nur den Bruchteil einer Sekunde furchtsam zeigt, hat schon verloren.
Als Mäusepolizist hatte er sein bisheriges Leben auf einem Frachtschiff verbracht und die Aufgabe übernommen, die Population der Nagetiere niedrig zu halten. Als er in den Ruhestand entlassen wurde, brauchte er ein neues Jagdrevier. Mein Bruder, genannt Taktfuß, musterte gerade ab und brachte ihn bei der Gelegenheit mit in unsere Wohngemeinschaft. Anfangs war der Schwarze Erwin selten zu sehen, es sei denn, jemand wollte am Tage ein Bad nehmen.
Dieses bedauernswerte, traumatisierte Geschöpf hatte schwer daran zu arbeiten, die ihm widerfahrenen Unbilden auf seinen Reisen um die ganze Welt zu vergessen. Sein Gleichgewichtssinn war leicht gestört, seit ein Stück seiner Rute von einer sich plötzlich schließenden Ladeluke oder einem Sicherheitsschott abgetrennt wurde. Das kompensierte er dadurch, dass sein sonstiges Gewicht gewaltig zunahm, bis der Balg fast zu platzen drohte. Sein Schwerpunkt hing knapp über dem Erdboden. Die Gestalt mit dem Stummelschwänzchen erinnerte aus der Ferne betrachtet an einen kupierten und an Fettsucht leidenden Zwergpudel. Nur weniger Locken.
Vermutlich fehlten ihm die schwankenden Planken und der ruhige Blick über die rollende See, so war er eine Weile Landkrank, lag tagsüber zusammengerollt in der leeren Badewanne und am Abend nahm er ausschließlich Wasser zu sich. Bei einer überraschenden Begegnung war es angebracht, dieses konturlose pottenschwarze Etwas möglichst nicht zu berühren, sofern seine Silhouette überhaupt zu erahnen war. Dann doch lieber der Umweg am Hühnerstall vorbei, um ein direktes Zusammentreffen zu vermeiden.
Unsere sonst so kecken Hunde hatten bald einen gehörigen Respekt vor ihm. Fremde Hunde zu Besuch bekamen manche Kralle zu spüren. Ein blitzschneller kleiner Strich damit über ihre Nase, nur ein winziges Tröpfchen Blut - und der überrumpelte Hund verkroch sich demütig unter den Tisch. Mancher wollte auch am liebsten schnell nach Hause. Doch schon bald hatte Erwin sich gut in seinem Asyl eingelebt und Freundschaft mit Baldur, unserem Haushahn, geschlossen. Sie bildeten ein verschmitztes Paar, der neurotische schwarze Kater und ein cremefarbener stolzer Hahn.
Hatten die Beiden insgeheim ein Bündnis geschlossen? Erwin schaute nur wenig interessiert zu, wenn Baldur durch die offene Vorder- oder Hintertür in die Küche stolziert kam...

(c)2010/12 Frank Teichgräber

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